
Selbstverteidigung in Bremen
Schutz vor Gewalt lässt sich grob in drei Bereiche
einteilen: Prävention, Deeskalation und Selbstverteidigung.
Prävention im
Bereich Gewalt bedeutet, Aufklärung in der Gesellschaft, Abbau von Tabus
und Stärkung des Einzelnen, damit er gar nicht erst in Gefahr gerät. Das
erreicht man durch verschiedene Massnahmen:
-
Vermittlung von Informationen (Daten, Zahlen,
Gesetzeslage, Anlaufstellen...)
-
Gefahrensituationen erkennen und vermeiden
-
Vorbeugendes Verhalten
-
-
Selbstbehauptung; die erfolgreiche Durchsetzung der
eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Rechte, sowie die Demonstration von
eigener Stärke
-
Grenzen aufzeigen und auf deren Akzeptanz und
Einhaltung beharren
- Angemessener Einsatz von Körpersprache, Stimme und Position
- Standfestigkeit gegenüber Gruppendruck und Gruppenzwang
- Selbst helfen zu können und sich helfen lassen
- Erwerb und Vermittlung von sozialer Kompetenz
Menschen sind Rudeltiere; wir agieren in Gruppen. In
jeder Gruppe übernehmen die einzelnen Mitglieder bewusst und unbewusst
Rollen. Durch diese Rollenübernahme strukturiert sich eine Gruppe und wird
dadurch erst handlungsfähig.
Die Rollen beinhalten Erwartungen und Verpflichtungen.
Den Mitgliedern der Gruppe bieten sie Sicherheit für deren
Verhaltensweisen und erleichtern das Zusammenleben.
Wir leben in mehreren unterschiedlichen Gruppen und
haben dementsprechend auch mehrere Rollen zu erfüllen (Partner, Eltern,
Rolle in der Arbeit, Freund, Vereinskamerad....), mit unterschiedlichem
Rollenverhalten.
Rollenverhalten wird im Laufe des Lebens erlernt; durch
Vorbilder und durch Ausprobieren. Zum Rollenverhalten gehört eine
bestimmte Mimik und Gestik, oft auch eine bestimmte Kleiderordnung.
Teilweise ist es bis in kleinste Details geregelt (Rituale, Etikette...).
In Rollenspielen kann man ausnahmsweise, bewusst und
gezielt eine Rolle annehmen, die nicht der eigenen entspricht. Man
schlüpft quasi in eine "andere Haut" und wird direkt damit
konfrontiert, wie sich das anfühlt. Anders als beim Schauspielern
verkörpert man aber keine feste Rolle, sondern füllt sie tatsächlich aus.
In Rollenspielen wird ein Stück Realität simuliert,
das ermöglicht es, Verhaltensweisen auszuprobieren, ohne dass
dies schwerwiegende Folgen für das "echte" Leben hat.
Eingeschliffene Verhaltensmuster werden so
verdeutlicht. Man kann Grenzen erproben, beispielsweise wie lange man
Beschimpfungen aushält.
Rhetorische oder körpersprachliche Tricks anderer
können erkannt und abgeblockt, aber auch selbst erprobt werden.
Schlagfertiges Verhalten, nonverbale Kommunikation und
selbstbewusstes Auftreten kann damit trainiert werden. Durch die Partner
erhält man Rückmeldung über die Wirksamkeit des eigenen Verhaltens.
Der Zweck der übung ist, dass man anschliessend,
wenn man wieder seine "echte" Rolle einnimmt, die Erfahrung mitnimmt,
und auf ähnliche Situationen übertragen kann. Diese verlieren damit
an Bedrohlichkeit, weil man gelernt hat, damit umzugehen.
Das ist auch ganz logisch: Wer selbst einen Hundewelpen
grossgezogen hat, hat vor Hunden weniger Angst, als jemand, der sie nur
als "bellende Monster" aus der Nachbarschaft kennt.
Durch einen Rollentausch, einer Variante des
Rollenspiels, kann erkannt werden, wie sich Täter oder Opfer fühlen, was
man zuvor vielleicht gar nicht wirklich nachvollziehen konnte.
Rollenspiele sind gerade am Anfang nicht einfach zu
verwirklichen, und sollten unbedingt von jemandem geleitet werden, der
viel Erfahrung damit hat. Sie sind aber ein unverzichtbarer Bestandteil
von Präventionsarbeit.
Deeskalationstraining
ist in drei Teile gegliedert:
-
Training zur Intervention (Eingreifen bei gewaltsamen
Auseinandersetzungen)
-
Training zur Deeskalation (Ablenken oder Beruhigen im
Vorfeld eines Streites)
-
Training als Schlichter (Beilegen eines Konfliktes
durch ein Schlichtungsgespräch)
Beim Interventionstraining lernen die Personen das
Eingreifen bei akuten Konflikten. Sie lernen bei Prügeleien
dazwischenzugehen und die Streitenden zu trennen.
Intervention hört sich viel einfacher an, als sie in
Wirklichkeit ist. Schliesslich gibt es unzählige Beispiele dafür, dass
Menschen bei Gewalttaten wegschauen, um nicht selbst zum Opfer zu werden.
Courage allein reicht nicht aus; man muss solche
Situationen mehrfach erfolgreich durchgespielt haben, um im Ernstfall
wirkliche Hilfe leisten zu können. Selbstüberschätzung und mangelnde
Fähigkeiten führen immer wieder dazu, dass ein Helfer selbst
zusammengeschlagen wird. Ein qualifizierter Trainer ist für das Erlernen
von Deeskalationsstrategien daher unverzichtbar!
Im Deeskalationstraining lernen die Personen verbal und
mit Gesten und Mimik so auf die Streitenden einzuwirken, dass sich diese
beruhigen, und zunächst den Streit nicht fortsetzen, oder dass eine
Prügelei, also weitere Eskalation, erst gar nicht stattfindet.
Hier geht es auch darum, rechtzeitig vor dem
Streithöhepunkt einzuschreiten, nach dem es bei den Betroffenen
zum "Tunnelblick" kommt, und Deeskalation nicht mehr greift.
Zur Deeskalation gehört auch das Einwirken auf die anheizenden
Zuschauer.
Im Wesentlichen werden im Deeskalationstraining
folgende Schwerpunkte angesprochen:
-
Sensibilisierung zur Wahrnehmung von Gewalt
-
Gewalt erkennen und benennen können
-
Förderung von Kommunikationsfähigkeit
-
Stärkung des Wir-Gefühls in Gruppen
-
Einen eigenen Standpunkt entwickeln und einnehmen
-
Wissen um Zusammenhänge von Eskalationsprozessen und
der individuellen Interaktionsmöglichkeiten zur Deeskalation von
Gewaltsituationen
Im Training als Schlichter geht
es um Prozesse, die (weitere) Gewalt verhindern sollen. Dieser Bereich ist
sehr von der Art und Grösse einer Gruppe, den Akteuren, sowie deren
Hierarchie abhängig, und soll an dieser Stelle nicht behandelt werden.
Schlichtung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die
es erfordert, sich intensiv mit den Streitpunkten und beteiligten Personen
auseinanderzusetzen.
Fast jeder glaubt, ein guter, neutraler und gerechter
Schlichter sein zu können, ist aber schnell mit der Situation überfordert,
oder kann der Aufgabe nicht wirklich gerecht werden, weil er
gleichzeitig objektiv und moderierend tätig sein muss. Schlichtung
erfordert mehr als "ein gutes Herz".
Selbstverteidigung ist
eine verhältnismässige Reaktion mit körperlichen Mitteln auf einen
ungerechtfertigten Angriff. Selbstverteidigung bedeutet in Notwehr zu
handeln und alle notwendigen und hinreichenden Mittel zu nutzen, um eine
Situation schnell zu beenden, aus der für den Verteidiger oder Dritte
schwerwiegende körperliche oder seelische Verletzungen entstehen könnten.
Sich selbst verteidigen zu lernen, bedeutet also, sich
körperlich zu schulen. Das kann man ausschliesslich unter qualifizierter
Anleitung, und nicht durch das Lesen von Büchern oder Anschauen von Videos
erreichen!
Oft werden Anfängerkurse in Kampfsportarten
oder Kampfkünsten mit dem Etikett "Selbstverteidigung"
angeboten; die Vereine oder Schulen möchten so Nachwuchs gewinnen.
Eine Kampfkunst zu erlernen kann Spass machen, und viel
zu einem selbstbewussten Auftreten beitragen. Im Vordergrund steht aber
immer das Erlernen einer sportlichen Technik.
Deshalb fehlt meist die psychische Vorbereitung auf
eine bedrohliche Situation. Informationen über Körpersprache,
Stimmeinsatz, Erkennen gefährlicher Situationen und angemessene
Verhaltensweisen werden normalerweise nicht gegeben.
Dies ist aber unbedingt nötig, um in
Gefahrensituationen angemessen reagieren zu können. Im vielen Fällen
bedeutet dies einfach, gar nicht erst in die Gefahr zu geraten.
Wenn
man für sich eine Kampfsportart sucht, und zugleich den Aspekt
Verhältnismässigkeit und praktische Umsetzbarkeit berücksichtigen will,
dann sollte die Wahl auf Ju-Jutsu fallen.
Ju-Jutsu wurde von deutschen Polizeibeamten erschaffen,
um sich auch ohne Waffe angemessen und verhältnismässig verteidigen zu
können.
Es basierte ursprünglich auf den klassis
chen Kampfkünsten Jiu-Jitsu, Judo, Karate und Aikido, beinhaltet
aber heutzutage weitere Elemente aus verschiedenen Kampfsportarten, um
immer auf der Höhe der Zeit zu sein, sprich um auch "neu
modische" Angriffe, wie mit infizierten Spritzen abzuwehren zu können,
oder mit Angreifern zurechtzukommen, die selbst einen (meist
aggressiven) Kampfsport betreiben.
Heute
ist Ju-Jutsu in der Polizeiausbildung fest verankert. Es ist im Deutschen
Olympischen Sportbund organisiert und wird einerseits als wirkungsvolle
Selbstverteidigung für den Alltag, zum anderen aber auch als sportlicher
Wettkampf betrieben. Aufgrund der vielen Grundtechniken, spielen im
Ju-Jutsu Alter, Kondition, Kraft oder Grösse keine ausschlaggebende Rolle.
Für
Kinder gibt es ein eigenes Ausbildungs- und Prüfungsprogramm. Auch
das pädagogisch hochwertige und sehr erfolgreiche
Selbstverteidigungskonzept "Nicht mit mir!" hat Ju-Jutsu
als Grundlage.
Kinder sind Erwachsenen natürlich körperlich und mental
unterlegen. Aber völlig wehrlos sind sie nicht. Ein Täter ist stets darauf
bedacht kein Aufsehen zu erregen. Er beobachtet sein potentielles Opfer
meist sehr genau und oft über einen längeren Zeitraum. Spontane
Gewalttaten sind die Ausnahme.
Besonders gefährdet sind:
-
Sehr ruhige, ängstliche, unsichere Kinder,
-
Kinder, die wenige Freunde haben
-
Kinder, die sich bei Angriffen Gleichaltriger nicht
zur Wehr setzen, sich alles gefallen lassen
-
Uninformierte, zu vertrauensvolle Kinder
Oft gibt es Vorbehalte gegen Selbstverteidigungskurse
für Kinder; doch diese sind unbegründet. In einem
Kurs für Selbstverteidigung werden keine Schläger ausgebildet -
ganz im Gegenteil. Kinder lernen Gefahren zu erkennen, rechtzeitig Hilfe
zu holen und sich mit "Köpfchen" und Selbstbewusstsein zu verteidigen.
Ein guter Kurs für Kinder muss mehr leisten,
als "treten und schlagen" zu erlernen, wie es leider vielfach
angeboten wird.
Kinder, die am Kurs teilnehmen, sollen ermutigt und
nicht abgeschreckt werden. Das Kursangebot setzt an den Stärken und
Alltagserfahrungen der Kinder an. Die Realität soll mit kindgemässen
Methoden aufgezeigt und Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden.
Sicherheitsversprechen im Sinne von "jetzt kann
Dir nichts mehr passieren" werden bei guten Kursen nicht gegeben. Grenzen
des Kursangebotes werden Kindern und Eltern erklärt und deutlich
gemacht.
Es wird kein Geheimnis um die vermittelten Inhalte
gemacht. Am Ende der Kurse haben die Eltern Gelegenheit, an einem
Abschlusstraining teilzunehmen.
Der Einsatz von Stimme und Körpersprache, sowie
Informationen zu Gefahren und sexuellem Missbrauch sollten ebenso zum
Kursinhalt gehören, wie körperliche Abwehrtechniken.
Gewaltprävention sollte sich nicht nur auf die Angriffe
durch Erwachsene beschränken. Selbstbehauptung und Selbstverteidigung auf
dem Schulhof gegenüber Gleichaltrigen spielt im Leben von Kindern eine
wichtige Rolle. Auch hier sollen sich Kinder angemessen wehren können,
ohne ihre Mitschüler dabei zu verletzen.
Die Vermittlung der Inhalte und Techniken sollte
altersgerecht und bei Kindern spielerisch erfolgen. Der Kurs muss dabei
immer Spass machen.
Der Kursleiter, die Kursleiterin muss eine spezifische
Ausbildung im Bereich Selbstbehauptung / Selbstverteidigung für Kinder und
Jugendliche haben. Und er sollte über jahrelange Erfahrung in mindestens
einem Kampfsport oder einer Kampfkunst verfügen. Nur dann kann er die
Möglichkeiten von Kindern realistisch einschätzen und vermitteln.
Die meisten Punkte sollten auch für Konzepte, die
im Rahmen von Kursen für Erwachsene angeboten werden, Berücksichtigung
finden. "Frauen-Selbstverteidigung" oder "Selbstverteidigung
für Senioren" wird von vielen Institutionen angeboten.
Es empfiehlt sich, im Vorfeld Vergleiche anzustellen,
und nicht auf die plakative Werbung einiger Anbieter hereinzufallen. Eine
(angeblich) hohe Graduierung des Referenten und sein gestählter Körper
verraten rein gar nichts über dessen pädagogische oder fachliche
Qualifikation.
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